Universität Potsdam: Projekte

 

 

Kontext Pädagogik

Variationen zur Wunderwelt von Alice


 

„Sei das, was du zu sein scheinst. Oder einfacher ausgedrückt: Gib dir niemals den Anschein, anders zu sein, als du für die anderen zu sein scheinst, damit das, was du bist oder dem Anschein nach sein könntest, nicht anders ist als das, was du zu sein vorgibst, wenn du dir einen anderen Anschein geben würdest.“ (L. Carroll: „Alice im Wunderland“, aus dem Engl. üb. von Lieselotte Remané. Arena, Würzburg, 1995, S. 96-97)

Nahezu jeder hat schon einmal etwas von der Geschichte des neugierigen Mädchens Alice gehört, welches in ein Kaninchenloch fällt und dort eine Vielzahl von Abenteuern erlebt.

Dort, in diesem unbekannten Wunderland, trifft sie gewöhnliche oder auch ganz ungewöhnliche Menschen, Tiere und andere sonderbare Wesen, die sich immer ganz komisch benehmen.

Trotzdem, oder sogar deswegen, möchte man weiter und weiter, bis zum Mittelpunkt der Geschichte reinrutschen, am besten für immer darin bleiben und alles zusammen mit erleben.

Die Faszination an Lewis Carolls „Alice im Wunderland“ ist bis heute ungebrochen. Daher ist es kaum verwunderlich, dass eine Gruppe von Studierenden des Bereichs Musik und Musikpädagogik der Universität Potsdam, im Rahmen eines Projektes zur Thematik „Inklusion und Sonderpädagogik“, gerade diese wunderbare Geschichte als Vorlage zum Musizieren im Ensemble auswählte.

Musik ist in der Förderung und Erziehung behinderter Menschen zu einem unersetzlichen Medium geworden. Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, Musik zu erleben und dass jeder Mensch sich musikalisch ausdrücken kann. Vor allem das Mitwirken in einer integrativen Gruppe, in der das gemeinsame Musizieren und intensive Auseinandersetzen mit Musik, mit Werk, mit Instrument und mit sich selbst viel Freude, Entspannung, Motivation und Bestätigung bringt. So wird das Ensemblespiel auch im Bereich der Sonderpädagogik eine wichtige Ergänzung zum instrumentalen Einzelunterricht. In der heutigen Pädagogik wird die Bedeutung des gemeinsamen Musizierens als produzierende und reproduzierende Kompetenz oft thematisiert. Es scheint aber, dass es keine generelle Formel gibt, wie mit behinderten Menschen musikalisch zu arbeiten ist. Die unterschiedlichen Grade und Formen von Behinderung, Störung, Krankheit und Schädigung erfordern ein individuelles Konzept. Den künftigen Lehrkräften fehlt es an konkreten Erfahrungen, nicht nur beim Musizieren im inklusionspädagogischen Kontext, sondern auch in der Praxis im eigenen kreativen und freien Musikmachen im Ensemble.

Womit wollen sich die Studierenden beschäftigen? Welche Klanggeschichten werden entwickelt? Mit welchen musikalischen Mitteln wird die Geschichte „Alice im Musikwunderland“ erzählt?

Das Verarbeiten von Musikmaterie, Verwenden des bereits Vorhandenen, neues Umsetzen und Umdeuten des Materials und das Entwickeln eines eigenen musikalischen Dialektes, stehen im wesentlichen Vordergrund des Projektes. Die Musik wird als eine fantastische Sprache betrachtet, die aus bestimmten Bausteinen, Elementen, Motiven, Intervallen, harmonischen Wendungen usw. besteht. Das Entstehen und Interpretieren des musikalischen Werkes wird nicht zum Ziel, sondern als Resultat eines Prozesses der Auseinandersetzungen mit dem Notentext, mit musikalischem Syntax, mit Klang als Orientierung bei möglichst vielseitigen Erkundigungen im Hinblick auf das vorhandene Material und auf das daraus neu entstehende Werk. Das Instrument Klavier steht im Mittelpunkt und wird zur eigenen Erlebniswelt – aufgemacht, präpariert, ausprobiert und vorgeführt. Zur Aufführung entsteht dabei eine Kreation aus den Verbindungen von Singen und Musizieren, Umwandeln der Geschichte in Bewegung, Bild und Improvisation.

Als pädagogische Leitidee des Projektes dient das gemeinschaftliche, fachübergreifende Musizieren auf musikalisch schlichtem aber kreativem Niveau. Auf Grund der unterschiedlichen Schwerpunkte der Studierenden, soll als Ausgangswerk ein Stück mit relativ einfachem Notenbild, jedoch klanglichem Anspruchsgehalt und möglichst geringen spieltechnischen Anforderungen stehen. Das Klavierstück „Variationen zur Gesundung von Arinuschka“ (1977) von Arvo Pärt scheint dafür besonders gut geeignet zu sein. Der spezielle Klang von Pärts Musik, „Tintinnabuli“ – Stil genannt, was soviel wie „Glöckchen“ heißt, besitzt einen eigenen, feinen Farbwert. Dieser entsteht durch die Kombination von Stimmen, die sich melodisch in einer Tonleiter (meist natürliches Moll) bewegen und solcher, die dazu die Töne des zur Skala gehörigen Dreiklangs spielen. Die scheinbare Simplizität solcher Materialien erlaubt während der Entwicklung der individuellen Alice-Geschichte eine gewisse Kreativität und Authentizität jedes einzelnen Studierenden (musikalische, physische und motorische Fertigkeiten). Hierbei wird die Möglichkeit gegeben neue Initiativen – von anderen Musikinstrumenten- zu ergreifen und eigene Ideen – Singen, Bewegen, Zeichnen – zu verwenden. So kommt es, dass am Ende des Projektes, bei der Präsentation der musikalischen Zusammenarbeit, eine völlig neue eigene Konzeption basierend auf der Grundidee des gemeinsamen Musizierens, entsteht.


 

 

Durch Musik zu sich selbst.

„Ich kann mich leider nicht erklären, denn ich bin gar nicht ich, verstehen Sie?“

Die Suche nach dem eigenen „Ich“ wird in der Konzeption durch aktives Musizieren unterstützt. Der leitende Faden der pädagogischen Idee vom schnellsten Weg zur emotionalen Emanzipation des behinderten Kindes oder Menschen, führt durch das Spielen (klanglich-musikalisch tätig werden) und Phantasieren (kreativ-gestalterisch ausdrücken) zur Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls und damit auch der Lebensqualität. Ebenso hilft er bei der Überwindung von Steife, bei der Wahrnehmung vom eigenen Fühlen, sowie beim Erlernen von künstlerischer Phantasie. Die verwirrende, phantasievolle Traumwelt von Alice stellt so in einer spielerischen und intelligenten Form existentielle Fragen:

Wer möchte ich sein – Alice selbst, oder der Märzhase? Oder der Hutmacher? Oder die Königin?

Aus welcher Sicht möchte ich meine eigene Alice-Geschichte erzählen und danach am Instrument, oder durch Gesang, oder durch Bewegung, oder mit Pinsel und Farben in Bildern illustrieren?

Wie sieht der Ort (ein Haus, ein Schloss, ein Hügel, ein Instrument, ein Schuhkarton oder ein Baumhaus) aus, an, in oder auf dem Alice ihre Abenteuer erlebt?

Vielleicht bleibt in der Geschichte nur Alice übrig und alle anderen Figuren werden neu erfunden und durch das eigene Phantasieren belebt. Man könnte ihnen verschiedene schöne Namen geben und sie durch die neu ausgedachte Welt führen oder umgekehrt. Andererseits könnte man ihnen auch folgen und alle Rätsel, die auf dem Weg aufgeworfen werden, würden durch eine Lösung wieder verschwinden. Oder: die Rätsel bleiben einfach für immer Rätsel – auch kein Problem!

Plötzlich wird das Klavier (bzw. andere Instrumente), der eigene Körper, oder auch eine einfache Plastiktüte lebendig und beginnt mit uns zu sprechen!

 

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Das Team

Gruppe der Studierenden:

  • Jana Mai (Mu, HF Gesang/ Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER))
  • Johanna Zepernick (Mu,HF Ensemblepraxis/LER)
  • Christine Fendel (Mu, HF Gesang/LER)
  • Anne – Kathrin Timm (Mu, HF Klavier/Geschichte)
  • Lena Scharfenberg (Mu, HF Klavier/Englisch)
  • Michael Schwabe (Mu, HF Ensemblepraxis/Deutsch)
  • Sebastian Hönicke (Mu, HF Gesang/Arbeitslehre-Technik)
  • Lennart Krex (Mu, HF E-Gitarre/Englisch)

Künstlerin, Mürmüristin, Schriftstellerin:

  • Marina Ljubaskina-Schütz

Band des Berufsbildungswerkes Oberlinhaus Potsdam unter der Leitung von

  • Lennart Krex

Projektbetreuerin Dozentin im Fach Klavier 

  • Natalija Nikolayeva

 


Konzeption

Praxisbezogener, fachübergreifender Musikunterricht

  • Instrumentales/Vokales Musizieren;
  • Liedbezogenes Instrumentalspiel;
  • Komponieren, Klangexperimentieren, Improvisationsformen;
  • Musik in Verbindung mit Bild (Musikmalen, Geschichtemalen);
  • Musik hören und notieren;
  • Bewegungsspiele mit Musik.

 

Am Anfang war das Wort.
ALICE

„Musik ist in der Förderung und Erziehung beeinträchtigter Menschen zu einem unersetzlichen Medium geworden. Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, Musik zu erleben und dass jeder Mensch sich musikalisch ausdrücken kann. Vor allem das.“ (Anne-Kathrin Timm)

 

Die musikalische Gestaltung

Am Anfang unseres Projektes stand nur der Name Alice, die Assoziationen, die wir mit diesem Namen und der Geschichte verbanden und die Töne A-C-E. Diese Töne sind im Wort „Alice“ enthalten und bilden gleichzeitig den a-Moll-Dreiklang. Für uns und unsere Idee war dies eine gute Grundlage, da man über dem a-Moll-Dreiklang sehr gut und schnell improvisieren kann und so fassten wir zeitig den Entschluss dies in unserer Präsentation zu nutzen. Nach einigen Recherchen wurden wir auf das Stück „Variationen zur Gesundung von Arinuschka“ von Arvo Pärt aufmerksam. Das Thema besteht aus einer schlichten Melodie, die im gleichmäßigen Rhythmus pulsiert, indem immer zwei Viertel Auftakt zu einer halben Note führen. Die halben Noten bilden in ihrer schlichten Gesamtheit eine vom a‘ zum a‘‘ auf- und nach acht Takten wieder absteigende natürliche a-Moll Tonleiter, währenddessen die Viertel der Auftaktbewegung aus Tönen des a-Moll-Dreiklanges bestehen.

Der Variationszyklus besteht aus sechs Teilen, die wir thematisch mit unseren fünf Worten PERSONA – GEFÜHL – MUSIK – LEBEN – CHOR verbanden und als eigenständige Abschnitte behandelten. Dabei nutzten wir den ersten Teil als Erwachen in der von uns geschaffenen Welt, als Einstieg in unsere Präsentation. Die Schlichtheit der Motive einer jeden Variation erlaubte es uns über diesen zu improvisieren. Nach jedem Abschnitt erfolgte eine Improvisation, die thematisch dem jeweiligen Wort zuzuordnen war. So entwickelten alle Studierende beim Abschnitt „Persona“ kleine Motive über Tönen ihres eigenen Namens. Beispielsweise Sebastian über Es, E, B, (Es) und A, Lena über E und A und Christine über C, H, Es und E. So kam es zu interessanten, teilweise auch dissonanten Klängen, die aber so unterschiedlich und individuell waren, wie der Charakter der spielenden Person.
Für die Variation zum Wort „Gefühl“ erklang zusätzlich zum eigentlichen Klavierstück eine Melodie auf dem Cello, welche sich an die Motive des Klaviers anlehnte, darüber hinaus aber auch frei über a-Moll improvisierte. Für weitere Improvisationen nutzten wir die Innenseite des Flügels, Glockenspiele, Ukulele und Gebrauchsgegenstände, die zu Rhythmusinstrumenten verwandelt wurden.

Die Reihenfolge der Variationen von Arinuschka wurde nur durch den Einschub eines Stückes unterbrochen. Dabei handelte es sich um „Doctor Gradus ad Parnassum“ von Claude Debussy aus Children’s Corner. Dieses Stück wurde bewusst zwischen die Abschnitte „Musik“ und „Leben“ platziert, um die Entwicklung der Personen vom „Individuum in seiner eigenen Welt“ zu einer „Gemeinschaft von Individuen“ aufzeigen zu können. Durch die Musik wird die Folie, Sinnbild für die Mauer zwischen den einzelnen Menschen, zerrissen. Sie sind bereit sich anzunähern und zu einem Kollektiv zusammenzuwachsen. Diesen Prozess verdeutlichten wir durch die Animierung des Publikums, sich an unseren Bewegungen zu beteiligen, sodass am Ende des Stückes der ganze Raum in Bewegung vereint war. Der schlanke Klaviersatz, der sich aus Orgelpunkten, aber auch aus immer fortlaufenden Sechzehntelbewegungen zusammensetzt, sollte einerseits Symbol für die Eigenständigkeit und das Verharren bei seiner eigenen Person sein und andererseits die Offenheit und Bereitschaft widerspiegeln sich weiterzubewegen und sich zu entwickeln – weg aus der eigenen Welt, hin zu einer Gemeinschaft, ohne sich selbst zu verlieren.

Eine Besonderheit stellte der letzte Abschnitt dar: Passend zum Wort CHOR wurde diese Variation nicht auf dem Klavier gespielt, sondern von den Studenten auf Vokalise singend vorgetragen. Zeitgleich wurde von Lena ein Gedicht rezitiert dessen Zeilenanfänge das Wort ALICE bildeten.

Ach, jenes Boot am Uferrain,

Leise und sanft glitt es dahin

Im goldenen Maiensonnenschein.

Chor der Vertrauten! So nah geschmiegt,

Ernst euer Aug, gespannt das Ohr.


 

 

persona

Wer bin ich? – Mutter von Kevin, alleinerziehend;
Lehrerin der 8b, mit Burnout;
attraktive Kollegin, die für den gleichen Job schlechter bezahlt wird.
Aber ich bin Schülerin der 8b, frisch verliebt;
glücklicher Student, der gerade seine Bachelornote erfahren hat;
Kellnerin, die es liebt nachts zu arbeiten.
Wer bist du?
Du lebst in allen Facetten: hell und dunkel, laut und leise, heiß und kalt, grau und bunt
Aber ist nicht in jedem grau auch ein bisschen bunt?
Wer sind wir?
Wir…Wir sind Individuen – Menschen – Personen.

Ich habe mich eher unbewusst für den Begriff „Persona“ entschieden und hatte anfangs nur eine vage Idee, was die Vielfältigkeit dieses Wortes betrifft. Es sollte darum gehen, wer wir sind, wie wir glauben zu sein und wer wir eigentlich sein wollen – eine Geschichte über Menschen und Persönlichkeiten.

Nach anfänglicher Ideenlosigkeit, suchte ich im Internet nach Inspiration, wobei ich auf Worte wie „Persönlichkeit“, „Charakter“, „Rolle“ oder „Mensch“ stieß. So bekam ich eine bessere Vorstellung von dem Begriff und eine Idee davon, wie ich meinen Monolog gestalten könnte: Ich wollte Gegensätze darstellen, die Menschen in sich vereinen. Häufig ist es so, dass bei dem ersten Blick auf eine Sache alles rosig und wunderschön erscheint, bei genauerer Betrachtung jedoch wird klar, dass die Dinge ganz anders liegen. Wiederum sieht es für Außenstehende so aus, als wäre das eine Leben schlechter als das andere. Auch hier bemerken wir jedoch schnell, dass dies weit gefehlt ist.

Um zu verdeutlichen, dass es auf dieser Welt nicht nur schwarz und weiß gibt, wollte ich zum eigenen Nachdenken anregen: Mit der Frage „Wer bist du?“, spreche ich das Publikum direkt an und ermutige dazu, sich einmal selbst zu betrachten. Vielleicht bemerkt dabei sogar der ein oder andere, dass wir in unserer Verschiedenheit doch wieder alle gleich sind – wir alle sind Personen.

Christine Fendel


 

Treffen mit der Jugendband des Oberlinhauses in Potsdam

Der Kontakt zur Band entstand über Lennart Krex, ebenfalls Musikstudierender der Universität Potsdam, der seit einigen Jahren die Leitung und Konzeption dieses Band-Projektes innehat. Die Idee bestand darin Menschen in unser Projekt einzubinden, welche tatsächlich sonderpädagogisch gefördert werden. So war es uns ein großes Anliegen einen Weg zu finden, gemeinsam mit der BBW-Band (Berufsbildungswerk) das Projekt ALICE gestalten zu können.

Lennart Krex berichtete uns im Vorfeld von den Musikern und ihrer Arbeit. Alle fünf Mitglieder absolvieren eine Ausbildung am Berufsbildungswerk im Oberlinhaus und führen einen normalen Alltag, wie jeder andere Berufstätige auch. Darüber hinaus berichtete Lennart, dass die Proben manchmal „nicht so einfach“ seien. Aufgrund der Erzählungen und dem, was man über Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen zu wissen meint, verdichtete sich ein Bild. Ich gewann den Eindruck, dass die Zusammenarbeit sich schwierig gestalten könnte. Ich stellte mir launische Jugendliche vor, die zwar Spaß an der Musik haben, jedoch selten offen für Vorschläge und Ideen Anderer sind. Die Mitarbeit bei unserem Projekt würde, so glaubte ich, mühsam und nur mit Problemen verbunden funktionieren. Trotz allem beschlossen wir, den Jugendlichen einen Besuch abzustatten, um sie kennenzulernen und ihnen unser Projekt vorzustellen. Mit diesen Erwartungen und Vorstellungen, welche die Projektgruppe mit mir teilte, fuhren wir also nach Potsdam Babelsberg, um erste Kontakte zu knüpfen. Das Treffen war relativ kurzfristig vereinbart worden, sodass nur ein Teil der Projektgruppe dabei sein konnte. Mit Keksen im Gepäck ging es im Eiltempo mit dem Auto durch die Stadt und jeder hing seinen Gedanken nach und überlegte aufgeregt, was uns wohl erwarten würde.

Als wir das Oberlinhaus erreichten, wurden wir bereits von Lennart Krex und Betreuerin Angela Schneider im Clubraum erwartet. Schon nach kurzer Zeit saßen alle mit Getränken und Keksen versorgt beisammen und Natalija Nikolayeva begann von unserem Vorhaben und dem Kongress zu erzählen. Alle Beteiligten wirkten sehr interessiert, aufgeschlossen und freundlich, sodass sich ein reges Gespräch entwickelte. Ich war überrascht, wie unkompliziert das Treffen verlief und wie freudig die 4 Jungs und die Sängerin das Projekt annahmen. Wir vereinbarten ein weiteres Treffen in den Räumlichkeiten der Universität, um gemeinsam an unserer Idee weiterzuarbeiten. Von diesem Moment an war es nicht mehr nur unsere Gruppe Studierender, die das Projekt gestaltete, sondern wir hatten weitere Musiker gewonnen, die es mit ihren Beiträgen bereichern wollten.

Im Nachhinein fragte ich mich, warum ich vor Beginn der Zusammenarbeit solche Berührungsängste hatte. Das Gelingen des Projektes ist der beste Beweis dafür, wie Musik verschiedene Menschen miteinander verbindet, wie sie Grenzen überschreitet und ein Jeder sie als große Bereicherung für das eigene Leben wahrnimmt – das ist Musik.

Lena Scharfenberg


Gefühl

„Emotion heißt, sich aus Gefühlen zu bewegen, nicht in ihnen zu versinken.“
Oft liegt die größte Weiterentwicklung gerade darin das zu tun,
wonach du dich gar nicht fühlst.
„Entweder du hast Gefühle oder Gefühle haben dich.“

Stefan & Maria Craemer/ Lena Scharfenberg

 

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Wie oft gibt es Situationen im Leben, in denen wir am liebsten den Kopf in den Sand stecken würden, anstatt zu handeln. Momente, in denen wir nicht weiter wissen und einfach aufgeben wollen.
Was wäre, wenn wir in diesen Momenten immer so handelten wie wir uns gerade fühlten? Es würde sich wenig verändern. Wir würden uns beim nächsten Mal wahrscheinlich nicht anders fühlen und stünden immer wieder vor der gleichen Schwelle. Die Weiterentwicklung der Menschheit und allem was sie ausmacht ginge sehr langsam voran oder käme sogar zeitweise zum Stillstand.

Wollen wir ein Leben im Stillstand?

Offensichtlich nicht. Sonst gäbe es nicht so viele Menschen, die immer wieder motiviert sind etwas zu bewegen, zu verändern und zu verbessern. Die Menschen, die etwas voranbringen, hatten wahrscheinlich nicht immer „gute“ Gefühle dabei, was sie nicht daran hinderte weiterzumachen. Sie sind nicht „in ihren Gefühlen versunken“, sondern haben „aus ihren Gefühlen heraus“ agiert.

Hatten sie Sorgen und Zweifel? Sehr Wahrscheinlich, doch das hat sie nicht davon abgehalten ihrer Intuition zu folgen. Wenn unsere Intuition uns sagt, dass es Zeit für etwas Neues ist, können wir trotz Gefühlen von Angst, Zweifel und Sorge vertrauen und sind oft am Ende überrascht von unseren eigenen Fähigkeiten, Wandlungen und Ergebnissen.

Wir können wachsam sein, ob unsere Gefühle gerade ein Indikator dafür sind, dass etwas wirklich nicht gut für uns ist oder wir uns gerade mit Gefühlen vor etwas drücken und uns auf ihnen ausruhen. So viele Menschen glauben, dass Gefühle irgendwo herkommen und dass wir keinen Einfluss auf sie haben. Wollen wir das wirklich so stehen lassen? Wollen wir wirklich so einen großen Teil unseres Lebens dem Zufall oder den Umständen überlassen?

Ich denke, es ist Zeit für eine neue Idee. Diese Art Gefühle zu leben kennen wir schon.

Wollen wir gemeinsam im wahrsten Sinne des Wortes wieder Herr unserer Sinne und Gefühle werden

Was wäre, wenn wir uns auf den kühnen Standpunkt stellten, dass Gefühle durch die eigene Bewertung von Situationen und Ereignissen entstünden? Jeder Mensch hat in jeder Situation andere Gefühle als ein anderer. Jeder hat eine subjektive, ganz individuelle Wahrnehmung, hat andere Erfahrungen gemacht und andere Schlussfolgerungen daraus gezogen.
Was wäre, wenn wir einfach Gefühle „HÄTTEN“, anstatt immer wieder in ihnen zu „VERSINKEN“? Das wäre eine Art von Selbstbestimmtheit, wie sie bisher nur wenige Menschen kennen und leben. Das wäre wahre Freiheit!

Viele bewerten eine Behinderung ausschließlich als einen Nachteil und als etwas „Schlechtes“. Wenn das kollektiv so bewertet wird, ist es für jemanden mit einer Einschränkung schwierig sich nicht „schlecht“ zu fühlen. Wir können also beginnen es als etwas Alltägliches und „Normales“ zu bewerten, dass es Menschen mit einer Einschränkung in einem bestimmten Bereich gibt. Sie sind Teil unserer Gesellschaft und haben oft gerade durch ihre Einschränkung in einem anderen Bereich besondere Fähigkeiten. Wenn wir dies so bewerten, können sich alle Menschen als ein gleichwertig gewinnbringender Teil der Gesellschaft wahrnehmen, bewerten und „fühlen“.
Ich selbst habe eine Sehschwäche, gehe wie jeder andere zur Uni und bin auf ein allgemeines Gymnasium gegangen, was mich dabei unterstützt hat, mich nicht als benachteiligt gegenüber anderen zu „fühlen“. Die Möglichkeit mich als inkludiert wahrzunehmen und dadurch immer wieder zu erfahren, dass nur meine eigene Bewertung über meine Sehschwäche den Unterschied macht, ist wahre Freiheit.

Ich selbst habe es in der Hand wie ich mit meiner Situation umgehe.

Natürlich gab es einige Momente in meinem Leben, in denen ich am liebsten aufgegeben hätte, weil ich mich nicht danach „fühlte“ weiterzumachen. Doch hätte ich dem nachgegeben, wäre ich nicht dort, wo ich heute stehe. Auch stünde ich dort nicht ohne die vielen Menschen, die schon lange inklusiv denken und handeln wie meine Familie, viele meiner Lehrer, viele meiner Dozenten und meine nahen Freunde.
Einen besonderen Dank daher an die Menschen, die neue Ideen voranbringen und sich nicht von „schlechten“ Gefühlen abhalten lassen. Ohne sie wäre eine neue Idee wie die INKLUSION nie möglich gewesen.

Johanna Zepernick/ Michael Schwabe

 


 

 

Musik in Bewegung – Bewegung in Musik?

Das thematische Konzept „ALICE“ stand und es galt, sechs Variationen zur „Gesundung von Arinuschka“ von Arvo Pärt körperlich umzusetzen. Dabei wurden zwei Dinge miteinander verknüpft: Das sich Fremd- und Alleinfühlen in einer Gesellschaft sowie das Durchbrechen der Ausgrenzung durch die Kraft von Musik.

Zu Beginn hörten wir uns die einzelnen Variationen an, um die jeweilige Stimmung und den Charakter zu erfassen und stellten fest, dass jedem Teil ein Wort aus dem „ALICE-Feld“ zugeordnet werden konnte. So wurde aus der Ansammlung von Wörtern eine bestimmte Reihenfolge festgelegt. Dieser Ablauf machte es möglich, eine thematisch passende Geschichte, verkörpert durch Johanna und Michael, zu erzählen.

„Aufwachen“
Durch den Puls der Musik erwachen zwei Menschen zum Leben.

Zu Beginn liegen sie auf dem Boden und die Musik regt sie dazu an, den Körper zu bewegen und in den Stand zu kommen. Jeder führt individuelle Bewegungen aus, die zaghaft und vorsichtig das Spektrum der Körperlichkeit deutlich machen. Jeder handelt für sich und nimmt den anderen nicht wahr. Am Ende stehen sie Rücken an Rücken.

„Persona“

Die beiden Menschen verschmelzen zu einer Person.
Die Idee der Verschmelzung wird realisiert, indem Johanna Bewegungen aktiv ausführt, während Michael diese lediglich passiv ausübt. Durch einen letzten Impuls trennen sie sich wieder und Michael positioniert sich vor der transparenten Folie, die quer über die Bühne gespannt ist.

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„Gefühl“

Sie wollen gemeinsam ihre Gefühle teilen, doch eine Barriere hindert sie daran.
Johanna und Michael sehen sich als Spiegelbild des jeweils anderen. Sie versuchen, zueinander zu kommen, scheitern aber an der Wand, die sie nicht durchbrechen können. Durch Zieh- und Stoßbewegungen wird dies verdeutlicht.

„Musik“

Die Kraft der Musik bringt Mauern zum Einsturz.
Die Musik versetzt sie in schwunghafte Tanzbewegungen, welche immer drängender, fordernder, intensiver werden, was sich auch in der Musik widerspiegelt. Dabei wird die Folie zerrissen und die Tanzenden sind vereint.

 

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Pianistische Gymnastik für die Hände

Als Grundlage dazu dient „Doctor Gradus ad Paranassum“ von Claude Debussy. Johanna leitet die gesamte Gruppe zu Lockerungsübungen für den Körper an. Die Akteure geben diese Übungen an das Publikum weiter und animieren so zum Mitzumachen. Dadurch ist der ganze Raum in Bewegung vereint.

„Leben“

Musik ist Leben.

Um die Vielfältigkeit des Lebens zu veranschaulichen, wird die Variation mit Klängen und Rhythmen, basierend auf Methoden der Elementarpädagogik, begleitet. Dazu werden selbst gebastelte Instrumente aus Alltagsgegenständen, wie eine Plastiktüte oder Reißzwecken in einem Becher, genutzt.

„Chor“

Gemeinschaft entsteht durch Musizieren.

Das letzte Stück führt alle Mitwirkenden zusammen und wird so zum Zeichen von Verbundenheit. Eingeleitet durch das Klavier wird die letzte Variation schließlich auch vokal von der gesamten Gruppe aufgeführt. Zu diesem Zweck wird die Klavierstimme in einen Chorsatz umgewandelt.


 

 

Musik

Musik.
Ist.
Hier drin –
Und dort draußen.
Sie war, ist und wird –
sein.
Jedoch,
An den Moment gebunden;
Ein Moment.
Mit Gefühl, mit Bildern.
Musik kann alles.
Braucht dafür nichts
Muss NICHTS sein
Entstehung – Entwicklung – Euphorie – Glück
Musik ist Leben

Sebastian Hönicke

Musik ist Leben – Dass mein Gedicht mit dieser Textzeile endet und damit vor meiner Improvisation im Raum stehen bleibt, war mir beim Schreiben dieser Zeilen sehr wichtig. So bezieht es sich nicht nur auf das Gedicht meiner Vorgängerin, welches das Leben als solches behandeln sollte, sondern stellt insbesondere für mich die Quintessenz meines Verständnisses von Musik dar. Bei Musik geht es um Empfinden. Nur so kann man musizieren. Man nimmt einen Eindruck von außen auf und verarbeitet ihn innerlich. Wie im Leben dreht sich somit alles um Entstehung, Entwicklung und Gefühl.

Mir war es wichtig klar zu machen, dass Musik die Kraft hat jedes Gefühl zu hinterlassen, es aber gleichzeitig nicht muss. Es soll nichts erzwungen werden. Es muss nichts erzwungen werden.

So war es mir in meiner Rezitation wichtig, bei dem Vers „muss nichts sein“ eine Zäsur zu setzen und das Nichts für sich, mittels einer sehr langen Pause, wirken zu lassen. Nicht zuletzt durch eine intensivere Beschäftigung mit der Musik von John Cage, habe ich mich dafür entschieden die Verse sehr kurz zu halten und sehr viel mit spannungserzeugenden Pausen zu arbeiten.

Sebastian Hönicke/ Lena Scharfenberg


 

 

„Man könnte ja auch sagen, dass sie „normal“ seien und das,
was andere als „normal“ verstehen eben nicht „normal“ ist.

Gespräch mit einer Mürmüristin

Die Aufführung des Alice-Projekts wurde visuell durch 2 Ebenen unterstützt. Zum einen gab es die bereits erwähnte Bewegungsperformance der zwei Potsdamer Musikstudierenden und zum anderen die künstlerische Darbietung der russischstämmigen selbst ernannten „Mürmüristin“ Marina G.M. Lyubaskina. Die Wahlberlinerin ist unter anderem durch Performance Art bekannt, mit welcher sie während des letzten deutschen G8- Gipfels in Heiligendamm durch das Waschen von Nationalflaggen Aufsehen erregte. Derzeit verdient sie ihren Lebensunterhalt durch darstellende Kunst sowie als Schriftstellerin.

Obwohl Marina bereits früh in das Projekt mit eingebunden wurde, sodass alle Beteiligten in etwa wussten, was auf der Bühne passieren könnte, wurden die Mitwirkenden über die Details der Performance bis zur Aufführung selbst im Unklaren gelassen. Dass die Berliner Künstlerin in ihrer Profession bekennende Perfektionistin ist, wurde spätestens bei näherer Betrachtung ihres Kleides (rotes Kleid mit Hasen und Rosen) deutlich, welches sie sich, wie sie uns später im Interview gestand, eigens für die Performance erstanden hatte. Auf einem Sessel am Bühnenrand platziert, fertigte sie während der Vorführung Zeichnungen an.

Was genau sie mit ihrer Performance ausdrücken wollte und was ihre Erfahrungen im Umgang mit beeinträchtigten Menschen sind, konnte sie uns im Interview näher erläutern.
Marina hat eine Erzählung über Alice geschrieben, welche die erste Inspiration zu dem gemeinsamen Projekt mit Natalija Nikolayeva war. Daraufhin entwickelte diese auf Grundlage des BACH-Prinzips die Idee über die im Wort Alice enthaltenen Tonbuchstaben A, C und E zu improvisieren.

Marina hat bereits Erfahrung bei der Arbeit mit Behinderten. Auf die Frage, ob irgendwelche Berührungsängste herrschten, sagte sie selbstbewusst „Natürlich nicht!“. Sie hat einige Jahre lang Workshops und Zeichenkurse für beeinträchtigte Menschen angeleitet. Sie meint, dass behinderte Menschen meist viel offener und ehrlicher seien als „normale“ Menschen. „Man könnte ja auch sagen, dass sie „normal“ seien und das, was andere als „normal“ verstehen eben nicht „normal“ ist. Man muss sich auf ihrer Welle mit ihnen unterhalten, um den Schlüssel zu ihnen zu finden. Behinderte sind auch normal! Leute sollten versuchen einander zu verstehen. Auch Alice ist ein normaler, gewöhnlicher Mensch, der Verständnis und Zärtlichkeit braucht.“

Auf die Frage, was Marina während der Aufführung gezeichnet hat, antwortet sie auf ihre mysteriöse Art, dass es nicht wichtig sei, was auf den Zeichnungen zu sehen ist, sondern dass das Zeichnen als solches im Vordergrund stehe. Anschließend wurden die Kunstwerke im Publikum verteilt. Auf diese Art und Weise, so Marina, hätten alle Zuschauer einen Teil von Alice bekommen, womit sie ihnen einen Spiegel in die Vergangenheit vorgehalten hat. Denn dafür steht in Marinas Augen die Darstellung von Alice, wie sie im weiteren Verlauf des Interviews verraten hat.

So antwortet Marina auf die Frage, was sie an der Figur Alice gereizt hat, dass Alice für sie kein ungewöhnliches Wesen sei, sondern vielmehr unbedarft und neugierig wie ein Kind. Sie erklärt, dass wir beim Erwachsenwerden aufhören, uns treiben zu lassen und mit uns zufrieden sind. „Der Blick für Interessantes und Ungewöhnliches geht verloren. Alice tut in jedem Moment das, was sie tun möchte. Eine Fähigkeit, die die meisten Erwachsenen heutzutage in sich begraben“. Sie vergessen, wofür sie, Marinas Meinung nach, wirklich hier sind.

Marina, die zum Zeitpunkt des Interviews ein Kleid trägt, auf dem kleine weiße Hasen und Rosen zu sehen sind (mit passenden Ohrringen), wird nun zur Bedeutung der Sinnbilder befragt, mit denen sie während ihrer Performance spielt. Sie sagt, dass sie sich über die Wahl des heutigen Outfits sehr bewusst sei und lacht. Die Rosen seien eine Anlehnung an die Rosen aus dem Garten im Buch, mit denen Alice gesprochen hat.

Auf die Frage, wo sie im sonderpädagogischen Handeln Chancen für die Musik sehe, antwortete sie wie folgt:

„Jeder Mensch ist Künstler. Als ich mit behinderten Menschen gearbeitet habe, habe ich gedacht, dass es schade ist, dass diese Menschen nicht gefördert werden. Einige könnten geniale Künstler sein, da sie offen, leidenschaftlich und einfach ehrlich sind. Ehrlichkeit ist ein wichtiges Kriterium für Kunst.“

Zum Abschluss des Interviews trug uns Marina noch folgendes Gedicht vor:

Alice heute bist du blass
Alice isst du heute nichts?
Alice gehst du heute raus?
Alice bleibt zu Haus.
Alice! Sag was, bitte, Liebste!
Alice schweigt und weint
Alice sitzt am Fenster
Alice sieht Gespenster
Alice weint vor Glück
Alice liebt Gespenster
Sieh hin und komm zurück
Ich bin müd! Komm Alice!
Spielst du meine Alice?
Keine Antwort… Oh Alice!
Packe meine Koffer habe keine Lust
Möchtest du einen Kaffee?
Alice fragt mich plötzlich.

Marina Ljubaskina-Schütz

 


 

 

Leben

Unaufhaltsam schnell rase ich vorbei.
Die Welt ist ein einziger Rausch.
Ohne Konturen. Ohne Form.
Und ich? Muss noch schneller sein. Ein Termin jagt den nächsten.
Ich sitze auf meinem Balkon und schaue der Sonne hinterher, die langsam hinter dem Horizont versinkt.

Ruhe!

Möge dieser Moment doch nur andauern über Stunden, Tage…
Ich beobachte Menschen, die völlig gelassen in die grüne Flut aus Bäumen spazieren und langsam darin verschwinden.
Kleine Schwalben starten ihre ersten Flugversuche vom Dach gegenüber und tauchen in den blau-rosafarbenen Abendhimmel.
Ein ständiges Auf und Ab, ein ständiges laut und leise, schnell und langsam –

Das ist Leben!

Anne-Kathrin Timm

 

Ein Gedicht über das Leben verfassen – das war gar keine so leichte Aufgabe. Das Leben eines Menschen ist so persönlich, so facettenreich und kann so völlig unterschiedlich sein und wahrgenommen werden, dass es für mich an erster Stelle sehr wichtig war, meine ganzen Ideen und Gedanken zu ordnen und mir einen Fokus zu setzen. So kristallisierten sich später zwei Schwerpunkte heraus.

Im ersten Abschnitt meines Gedichts arbeite ich mit sehr kurzen Sätzen, die eher Gedankenfetzen und Beobachtungen entsprechen. Sie sollen die Hektik und die hohe Geschwindigkeit widerspiegeln, in der unser Leben heute stattfindet.

Auf der anderen Seite gibt es jedoch diese kostbaren Momente der Ruhe und Entspannung. Natürlich äußern sich diese Ruhepunkte bei jedem Menschen in ganz anderer Form. Aber ich habe mir auch nicht zum Ziel gesetzt, eine allgemein gültige Abbildung vom Leben der Menschen zu schaffen (die gar nicht möglich wäre), sondern mich auf einen Teil meines Lebens zu fokussieren und persönlich zu bleiben. Deswegen handelt der zweite Abschnitt auch vom Ausblick von meinem Balkon, welcher wirklich existiert und ganz greifbar und nah ist. Auf diesen Balkon kann ich mich zurückziehen, wenn mir die Welt zu viel wird und ich Zeit für mich allein brauche. Jeder braucht so einen Rückzugsort, egal in welcher Form. Dieses Gefühl, ein unbeteiligter Beobachter zu sein und auch mal aus dem Zug des Lebens aussteigen zu können, wollte ich mit dem zweiten Abschnitt des Gedichtes vermitteln.

Mein Fazit jedoch ist, dass man Leben gar nicht richtig fassen oder kontrollieren kann. Es ist so unstet, dass man sich nie sicher sein kann, was in den nächsten Wochen, Tagen oder auch Minuten passieren könnte. Und genau das finde ich wundervoll!

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Jana Mai

Die Akzeptanz des „Nicht-Könnens“

Die eher zufällig entstandene Kooperation mit der Band des Oberlinhauses Potsdam entwickelte sich letztendlich zu einer der bereichernsten und auch beglückensten Ideen des gesamten Projektes. Die bis dato von unserer Projektgruppe sehr theoretisch betrachtete Thematik der Inklusion wurde somit für uns und auch für das Publikum zur erlebbaren Realität. Alle Mitglieder der Bandformation sind körper-, lern- und mehrfach behindert bzw. psychisch beeinträchtigt. Geprobt wird einmal pro Woche, mitmachen kann jede/r SchülerIn des BBW, der ein Instrument spielen oder singen kann. Auch bei der Liedauswahl sind den Bandmitgliedern so gut wie keine Grenzen gesetzt. Krex selbst sagt, dass die Beeinträchtigungen der Bandmitglieder für ihn die kleinste Rolle in der Probenarbeit spielen. Sein Konzept beziehe sich weniger auf gezielte individuelle Förderung, sondern vorrangig auf die Interaktion in der Gruppe, was Erfahrungen wie bspw. das Schließen von Kompromissen o.ä. mit einbindet. „Die sozialen Kompetenzen werden also unterbewusst gefördert und angeeignet. Außerdem sollen die Teilnehmer Spaß an den Proben haben, es ist ja eine Freizeit-AG!“, so Krex. Spaß hatten WIR mit der Band auf jeden Fall. Die anfängliche Befangenheit vor der Zusammenarbeit und auch die vielen Fragezeichen bezüglich der Realisierung des Vorhabens innerhalb eines derart knapp bemessenen Zeitrahmens, verschwanden bereits nach dem ersten Zusammentreffen. Da unser Projekt viel Spielraum zur Improvisation ließ und alle Bandmitglieder sehr motiviert waren sich darauf einzulassen, geschah die Verknüpfung unserer beiden Gruppen unproblematisch. So wie wir sie mit unseren Bewegungen und Klängen einfingen, so berührten sie uns mit ihrer individuellen Darbietung zweier Popsongs, sodass am Ende des Abends aus ursprünglich zwei Ensembles eines wurde.


 

 

Lennart Krex spricht über…

… DIE BAND

„In der Band gibt es keine Hierarchie, alle bringen sich gleichberechtigt ein. Dadurch, dass ich immer die fehlenden Instrumente besetze, bin ich auch nicht nur der Betreuer oder Lernbegleiter der Schüler, sondern gehöre in einer gewissen Art und Weise sogar zur Band dazu.“

… PROBLEME
„Das größte Problem ist, dass wir oft nicht zielorientiert arbeiten. Die Motivation der gesamten Band nimmt unglaublich stark ab, wenn kein unmittelbares Ziel, wie beispielsweise ein Auftritt, in Aussicht steht. Alle anderen Probleme sind eher organisatorischer Art. Es ist selten der Fall, dass zu einem Probentermin alle pünktlich oder überhaupt erscheinen, was eine kontinuierliche und gleichförmige Probenarbeit unmöglich macht. Verlässlichkeit und Pünktlichkeit sind Sachen an denen wir unbedingt noch arbeiten müssen.“

… MUSIK

„Defizite im musikalischen Bereich sind in dieser Konstellation kein Problem. Da alle Bandmitglieder es gewohnt sind, dass jeder Schüler anders beeinträchtigt ist, fühlt sich niemand durch das Nicht-Können eines anderen gestört. Da jeder seine eigenen Probleme und Defizite hat und alle ausreichend Empathie füreinander aufbringen können, besteht grundsätzlich ein gutes Miteinander in der Band. Kleine Konflikte, was die Gestaltung der Songs angeht, gibt es allerdings, wie in jeder anderen Band, auch.

… DEN UNTERSCHIED

„Unterschiede gibt es zum einen in der Songauswahl, zum anderen in der Probenstruktur. Der Schwierigkeitsgrad der Songs ist dem Niveau der Band angepasst, jedoch lege ich großen Wert darauf auch von den Bandmitgliedern als zu schwierig empfundene Songs mit ins Repertoire aufzunehmen, um diese dann in einer vereinfachten Version zu spielen oder nach und nach zu erarbeiten. Eine vorab durchdachte Probenstruktur habe ich nicht. Da ich mir die Bandarbeit mit einem anderen Mitarbeiter des BBW teile und nur alle zwei Wochen mit den Schülern arbeite, weiß ich nie was mich erwartet. Mit diesem spontanen Entwickeln der Probenarbeit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Ich denke, es ist die einzig sinnvolle Form, in der eine musikalische Arbeit mit den Bandmitgliedern möglich ist.“

… MOTIVATION

„Da ich meinen Zivildienst an einer Förderschule absolviert habe und mir diese Arbeit immer viel Freude bereitet hat, rührt mein Interesse für Sonderpädagogik wahrscheinlich aus dieser für mich sehr intensiven Zeit. Was mir jedoch am meisten gefällt, ist der respektvolle Umgang mit dem Lehrpersonal und der Schüler untereinander. Äußerlichkeiten wie die neusten Markenklamotten oder Handys rücken hier in den Hintergrund und die Eigenheiten eines jeden werden toleriert. Jeder gesteht dem anderen Schwächen zu, weil jeder seine eigenen Schwächen hat.“


 

 

Chor

Sie gingen über den Marktplatz, vorbei an den prallgefüllten Ständen. Saftige Orangen, fette Avocados und vor Reife bald berstende Mangos ragten unter den blau-weiß-gestreiften Sonnendächern in riesigen Mengen hervor.

Berauscht von den süßen Gerüchen, die sich mit jedem weiteren Schritt mit dem beißenden Gestank der in der Sonne trocknenden Meerestiere verband, schienen WIR zwischen dem ganzen Gedränge und Gerangel über allen hinwegzuschweben.

Atemlos – flirrend – und doch wunderbar zufrieden. Und alsbald erhob sich ein Ton aus der Menge, vollkommen unklar woher er gekommen war. So majestätisch und doch einfach zu gleicher Zeit.

Da ließen die Händler ihre Körbe stehen, die quietschenden Rikscharäder gaben einen Moment Ruhe und auch die Marktschreier ließen das Schreien für einen Augenblick sein.

Und die Postangestellten hörten auf die Post zu sortieren und die Eishändler ließen die Kugel aus der Waffel fallen. Und auch der unbeliebte König und sein Hund unterbrachen ihre wichtigen Geschäfte und hielten einen Moment inne.

Da standen wir nun, ein Weinstock von Menschen, ob klein ob groß, ob alt ob jung, ob lustig oder wichtig oder engstirnig oder beschäftigt – wir alle stimmten aus voller Brust ein in den engelsgleichen Chor über den Dächern des kleinen Dorfes.

Jana Mai

 

Ein großer und bedeutender Teil meines Lebens wird durch das Singen im CHOR ausgefüllt. Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, ob es einmal eine Zeit gab, in der ich nicht in einem Chor gesungen habe. In meinem Monolog wollte ich jedoch nicht nur auf Chormusik im Allgemeinen eingehen, sondern insbesondere auf das, was (für mich) einen Chor ausmacht: Den Zusammenklang und das Verschmelzen vieler Personen zu einer großen Einheit.

Wenn ich fremde Länder bereise, fasziniert mich immer wieder der extreme Lautstärkepegel auf den lokalen Märkten. Wie in meinem Monolog, oder nennen wir es besser Exzerpt, beschrieben, wirken an solchen Sammelpunkten unglaublich viele Reize auf uns ein. Ob visuell („prallgefüllte Stände“), akustisch („Und alsbald erhob sich ein Ton aus der Menge…“) oder olfaktorisch („süße Gerüche“, „beißende[n] Gestank der in der Sonne trocknenden Meerestiere“) – nahezu alle Sinne werden im allgemeinen „Getümmel“ angesprochen. Entfernt man sich jedoch von diesem Ort, so stechen weniger die lautstarken Anpreisungen und Umwerbungen der einzelnen Händler hervor, sondern das große Ganze. Alle Geräusche verschmelzen zu einem großen Summen und bilden somit eine Einheit.

In meinem Exzerpt bleibt offen, was die Quelle des alles vereinenden Tones ist. Sind es die Menschen auf dem Markt selber? Sind es die Personen, die als WIR zwischen dem ganzen Gedränge und Gerangel hinwegzuschweben zu scheinen? Oder ist jemand ganz anderes dafür verantwortlich?

Das Gleichnis des Weinstocks habe ich wiederum zur Verdeutlichung der Einheit gewählt. Zwar mögen auf den ersten Blick alle Trauben einander sehr ähneln, bei genauerer Betrachtung wird jedoch auffallen, dass es Unterschiede bspw. in der Größe, Farbe und Festigkeit gibt. Betrachtet man nun die gesamte Rebe von weitem, so sticht nicht mehr die Verschiedenheit der einzelnen Trauben hervor, sondern das Bild der Rebe als geschlossenes Konstrukt, als Einheit wird deutlich.

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Doch kommen wir zurück zum vokalen Chor. Ganz so harmonisch und einfach wie in meinem Monolog läuft die Arbeit mit einem Chor zumeist nicht ab, da gibt es beispielsweise Intonationsprobleme, Unpünktlichkeit einzelner Chormitglieder, Unverständnis für interpretatorische Festlegungen des Chorleiters… und die eigene Stimmgruppe singt natürlich nie falsch, sondern immer die anderen! Trotz all dieser Konfliktpotenziale, schafft es ein Chor erstaunlicherweise zumeist in einem Konzert vollkommen einheitlich zu brillieren und miteinander zu singen.

Am Ende wird alles gut…

vielleicht auch beim derzeitigen Sorgenkind Inklusion?