Ferruccio Busoni: Über die Anforderungen an den Pianisten

Über die Anforderungen an den Pianisten

 

 

 

 

 


Nein, Technik ist nicht und wird nie das Alpha und Omega beim Klavierspielen sein, ebenso wenig bei irgendeiner anderen Kunst. Trotzdem predige ich freilich meinen Schülern: Schafft euch Technik an, und zwar gründliche. Um einen großen Künstler zu machen, müssen mannigfaltige Bedingungen erfüllt werden, und weil dazu nur Wenige imstande sind, deshalb ist ein wirklicher Genius eine solche Seltenheit.

Technik, die an und für sich vollkommen ist, finden wir in so manchem wohl konstruierten Pianola. Dennoch muss ein großer Pianist zunächst ein großer Techniker sein, aber Technik, die ja nur einen Teil von der Kunst des Pianisten ausmacht, liegt nicht bloß in Fingern und Handgelenken, oder in Kraft und Ausdauer. Die größere Technik hat ihren Sitz im Gehirn, sie setzt sich aus Geometrie, Abschätzung der Distanzen und weiser Anordnung zusammen. Aber auch damit ist nur erst ein Anfang gemacht, denn zur wirklichen Technik gehört  auch der Anschlag und ganz besonders der Gebrauch der Pedale.

Zum großen Künstler gehört ferner eine ungewöhnliche Intelligenz, Kultur, eine umfassende Erziehung in allen musikalischen und literarischen Dingen und in den Fragen des menschlichen Daseins. Auch Charakter muss der Künstler haben. Fehlt eins von diesen Erfordernissen, so wird die Lücke in jeder Phrase offenbar, die er vorträgt. Dann kommt noch Gefühl, Temperament, Phantasie, Poesie und schließlich jener persönliche Magnetismus hinzu, der Einen manchmal instand setzt, viertausend fremde, durch Zufall zusammengebrachte Menschen in einem und denselben Seelenzustand zu versetzen. Danach ist auch noch Geistesgegenwart zu verlangen, Herrschaft über Stimmungen unter irritierenden Begleitumständen, die Fähigkeit des Publikums Aufmerksamkeit zu erregen, und endlich in „psychologischen Momenten“ das Publikum zu vergessen.

Soll man das Gefühl für Form, für Still, die Tugend guten Geschmacks und Originalität hinzufügen?  Wie könnte man je zu Ende kommen, wenn man alles Erforderliche aufzählen wollte? Vor allem aber möge man eine Forderung sich gegenwärtig halten:

“ … Wem ein Leben nicht durch die Seele gezogen, der wird die Sprache der Kunst nicht meistern“

(Ferruccio Busoni)

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